Zu Klaus Berends’ Installation "Ihr seid das Salz der Erde"
Die Objekte, die Klaus Berends schafft, sind Teil der vorfindbaren Wirklichkeit, und sie sind autonom, bilden also eine Gegenwelt zu dem, was als vorhanden gilt.
Wie ist diese Doppeldeutigkeit zu erklären? Es hängt mit dem zusammen, was im 20. Jahrhundert die Kunst ganz entscheidend beeinflußt, ja neu strukturiert hat: das objet trouvé, ein in der Wirklichkeit vorgefundener Gegenstand, der, in eine andere Umgebung - einen Kunstraum - versetzt, seine Aura, seine Wirkungsmöglichkeiten entfaltet. Die von Berends vorgefundenen Objekte und Materialien - Teile eines Schiffs und Sand etwa - erzählen Geschichten, die vielleicht schon längst in Vergangenheit geraten wären, würden uns die in den Kunstraum verlagerten Fraktale nicht daran erinnern. Kunst ist Gedächtnisarbeit.
Außerhalb des Kunstraums
In seiner neuesten großen Arbeit geht er nun noch einen Schritt weiter, ähnlich wie etwa Joseph Kosuth oder Jochen Gerz verlagert er die Kunst nach außen, situiert sie außerhalb des Kunstraums. So wird die kategoriale Trennung zwischen ”Wirklichkeit”, ”Alltag” und ”Kunst”, “Abstraktion” aufgehoben.
Die Kunst ist in der Wirklichkeit. Und die Wirklichkeit wird Teil der Kunst.
Eine alte ausgediente Entsalzungsanlage wird wieder in die Wahrnehmung integriert und mit neuen Wirkungskräften und Resonanzkörpern versehen. Angesichts der enormen Ausmaße des Objekts könnte man von einem größerformatierten objet trouvé sprechen.
Umschlagplatz von Lebenskraft
Das meiste wird uns in seiner Bedeutung und vielleicht Lebensnotwendigkeit erst dann bewußt, wenn es abwesend, uns nicht zuhanden ist, uns entgleitet: auf der elementarsten Stufe die Elemente Wasser, Erde, Luft, Feuer, Licht, Wind, Regen ... und all die Bestandteile, die unsere Nahrung enthalten muß, damit sie uns auch ernährt. Das Salz gehört ganz wesentlich dazu - und zugleich kann es uns, ist man auf dem Meer ausgesetzt und hat nur salziges Wasser zur Verfügung, zerstören. Eine Entsalzungsanlage ist also so etwas wie ein Umschlagplatz von Lebenskraft.
Salz, Sand, Erde, Steine: solche elementaren Materialien haben die Aufmerksamkeit der Künstler besonders stark auf sich gezogen, findet sich doch der Mensch in ihrer Umgebung immer an den Schnittstellen von Natur und Kultur. Beide Sphären gehen beständig ineinander über, und der Künstler verleiht ihrer Dynamik Ausdruck. Heute können wir Strukturgleichheiten erkennen: bei so unterschiedlichen Künstlern wie Beuys, Boltanski, Anselm Kiefer, Richard Long, Per Kirkeby, Dan Flavin, Hermann de Vries und auch etwa australischen und haitianischen Künstlern. Sie eröffnen einen mytho-ästhetischen und einen elementar-existentiellen (durch Erde, Sand, Salz, Ton, Haar, Asche, Blei, Filz, Holz symbolisierten) Raum.
Der Blick fällt auf die Gegenstände im Raum, in der Landschaft, in der fremden Kultur, vergewissert sich ihrer Fremdheit, registriert, ordnet ein und wird in neue Fremdheiten verstrickt. Wieder tut sich eine terra incognita auf. Präzisierte, minimalisierte und vergrößerte, fokussierte Natur, Technik und Kultur, Installationen, Vermessungen, Anordnungen, die man in der Vorstellung ausweiten, verengen, korrigieren kann, so daß sie einem entsprechen, um dann durch sie hindurchzugehen und eine neue Weite zu erfahren. Skulpturen, Szenen, Situationen - Kunst als innen und außen ablaufender Film. Auch als Expedition.
Ein zu ergehendes Steinfeld Richard Longs etwa - ”Wirkliche Steine, wirkliche Zeit, wirkliches Tun”, ”In Kreisen gehen” und doch auch orientiert an imaginären Mark-Steinen und imaginären Reisen - und ein nur mit dem Auge abzutastender Kreis auf einer maßlos wirkenden Leinwand ...
Kunst ist auch, wie Carl Einstein sagte, eine ”manie des beschwoerenden fixierens”.
Berends’ Installation ist dieser beschwörende Gestus eigen: sie fixiert etwas Vergangenes, rückt es in die Nähe. Und hält es dabei doch offen.
Natur und Kultur
Zur Kunst-Wirklichkeits-Form dieses Objekts gehört ganz wesentlich ihr prozessualer Charakter: alles ist in Bewegung, wandelt sich.
Es handelt sich um eine Raum-Installation und Raum-Geomantie mit theatralischen Zügen. In einer fast autonom ablaufenden Inszenierung erzählen die Materialien ihre Geschichte, Aufstieg und Niedergang, den Wechsel der Zeiten.
Das Verwitterte an den Materialien ist ein Symbol des Vergänglichen, des ewigen Kreislaufs von Geburt und Tod, dem alles unterworfen ist.
Diese Raum-Installation von Klaus Berends ist Ausdruck der Dramatik des Lebens und des Gestaltwandels (der Morphologie) in Natur und Kultur.
Indem ein Gegenstand, ein Material und eine Maschine aus der angestammten oder vertrauten Umgebung herausgelöst wird oder der ihnen eigenen Funktionen enthoben wird, setzt eine Entfremdung ein: man nimmt Anderes, bisher Nicht-Gesehenes wahr. Man wird aufmerksamer.
Das Alltägliche tritt in den Hintergrund. Sichtbar wird das, was man die Aura des Gegenstandes nennen kann. Auch seine sakrale Dimension: etwas Heiliges.
Dieser Aspekt wird hier, in diesem Fall, von dem Künstler noch durch die Musik Arvo Pärts unterstützt. Aber auch ohne die Musik würden wir verstehen, daß hinter und unter den Dingen etwas anderes sich ausbreitet, eine Art Subtext lesbar wird.
Das Ding ist niemals nur das, was wir sehen. Dahinter steht immer etwas Geheimnisvolles, das dechiffriert, enträtselt werden will. Das ist die Arbeit des Künstlers: er dringt in die Gegenstandswelt ein, erkennt ihre Strukturen und läßt sich darauf ein, diese verdichtet / bearbeitet in neuem Licht zu zeigen.
Er arbeitet immer mit dem unsichtbaren Gegenstand, dem Sich-entziehenden und Verschwindenden und, wenn es ihm gelingt, macht er es für Augenblicke zugänglich.
Diese Augenblicke will er festhalten. Anders als etwa im Tanz oder in der Musik steht ihm festes Material zur Materialisierung zur Verfügung. Indem er sich von dem Vertrauten eines Objekts löst - die außer Kraft gesetzte Funktion einer Entsalzungsanlage erst einmal vergißt -, gewinnt er die Freiheit, sich ihr ganz neu und umfassend zuzuwenden.
Kunst und Realität
Das Wissen und das Nicht-Wissen durchdringen einander produktiv. Der Künstler weiß nie, wohin ihn sein Arbeitsprozeß führt. Er läßt sich bedingungslos auf ihn ein.
Ein Bildhauer hat einmal gesagt, er bearbeite den Stein solange, bis er wieder der Stein ist. Auf diese Rauminstallation von Berends angewendet heißt dies: die Maschine wurde von ihm solange bearbeitet, bis sie wieder die Maschine (in ihrem ”Wesen”) war.
Das völlig aus dem Blick gefallene Objekt, der aus der Wirklichkeit entfernte Gegenstand, ist plötzlich wieder in die Wahrnehmung und das Gesichtsfeld integriert.
Wie hier Realität Kunst wird und Kunst Realität ist - das ist das herausragendste Merkmal dieser Installation.
Die Anwesenheit des Künstlers
Der Künstler ist in dieser Installation präsent, nicht so dauerhaft wie in einer Performance oder einem Happening. Aber er ist ein anwesend-abwesender Teil von ihr: hat den Resonanz-und-Licht-und-Schwere-Körper aus seinem Blickwinkel, aus seiner Gestimmtheit heraus geschaffen.
Es ist wie im Ritual: es verlebendigt den Mythos. Auch diese Rauminstallation verlebendigt - zusammen mit den Zuschauern, den hier Umher-Gehenden - die Wirklichkeit und den Mythos der Maschine und ihrer Arbeit.
Es wäre denkbar, daß der Künstler ständig leibhaftig anwesend wäre (wie Nitsch und Muehl in ihren Happenings oder Beuys in seinen Aktionen), unablässig Dinge verändern und mit den Zuschauern in eine Interaktion treten würde.
Das verliehe der Installation noch einen dynamischeren Aspekt. Andererseits arbeiten die Materialien auch so für sich, verändern sich unablässig. Und der Einfall des Lichts und die Geräusche sind niemals gleich, niemals statisch. Auch Sand ist immer in Bewegung. Diese gesamte Szenerie ist ganz nah am Alltäglichen und ganz ferngerückt, hat etwas Mythisches an sich, erinnert auch an Bilder der Mond- oder Marslandschaft.
Vom Leben der Maschinen
Auch Maschinen haben eine Art Korpus und ein Innenleben, das abstirbt, wenn die Maschine ihre Funktion nicht mehr ausübt, wenn sie nicht mehr ”klingt”, ”tönt”, keine Geräusche mehr macht. Berends hat den Resonanzkörper einer alten Entsalzungsanlage wieder zum Klingen gebracht, wieder verlebendigt.
Das ist ein schöpferischer, kreativer, vitalisierender Akt. Ein Akt, der immer auch soziales Leben, Alltagsleben, in Erinnerung ruft. Der Künstler bedient sich dazu der Symbolik, die den Dingen und Objekten innewohnt. Mit den Booten assoziiert man hier nicht nur Segen (Fischfang), sondern auch Fluch (das Ausgesetztsein illegaler Einwanderer aus Marokko).
Kunst ist in diesem Sinne immer auch Erforschung des Alltags, aber nicht auf diskursive, sondern auf demonstrative Weise: etwas wird gezeigt. Schaut her und lest in den Zeichen.
Diese Rauminstallation lenkt also den Blick gleichermaßen in die Vergangenheit (aktiviert die Erinnerung), in die Gegenwart und in eine mögliche Zukunft.
Erinnerung und Vision
Kunst ist Erinnerungsarbeit und eröffnet visionäre Horizonte. Auf diese Weise hat sie die Möglichkeit, in Leben und Alltag, in Wahrnehmung, Fühlen und Denken einzugreifen.
Der Künstler betätigt sich als Morphologe, arbeitet mit dem Gestaltwandel der Dinge und Lebensformen.
Samuel Beckett - der ja auch das Motto (”Wie es ist”) für diese Rauminstallation vorgibt - hat in einem anderen Text (”Aufs Schlimmste zu”) die Unermüdlichkeit des Menschen, sich weiterzubewegen, voranzukommen, die Formen zu wandeln, besonders eindringlich formuliert: ”Weiter. Weiter sagen. Gesagt sei weiter. Irgendwie weiter. Bis nirgendwie weiter ... Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern ... Irgendwie weiter ...”
Und sein letzter Text vor seinem Tod endet mit den Zeilen: ”wie soll man sagen - / wie soll man sagen”.
Diese Grundfrage stellt der Künstler in den Raum: wie etwas zur Sprache, zur Form, zur Gestalt bringen?
Dabei scheut er sich nicht, anders als der Wissenschaftler, das Scheitern als essentiell mit ins Spiel zu bringen, sich im Scheitern zu bewegen.
Auf diese Weise ist der Künstler näher an der condition humaine, an der Existenz des Menschen, seinem In-der-Welt-Sein.
Zur-Welt-Kommen
Das In-der-Welt-Sein des Menschen ist aber zugleich auch immer ein Zur-Welt-Kommen. Das ist seine, ihm eigene Schöpferische Kraft.
Vom Unbewußten hat man einmal gesagt, daß in ihm alles wiederkomme: etwas versinkt und steigt wieder auf, es wird wie von Strömungen getrieben, gleichsam so etwas wie Treibholz, vom Meer getrieben.
Klaus Berends’ Installation kann uns ein Stück weit heranbringen an diese Ebene des Werdens und Vergehens, des Auftauchens und Verschwindens, der beständigen Möglichkeit des Zur-Welt-Kommens.
Robert Musil hat einmal gesagt, wir würden nicht über etwas nachdenken, sondern etwas denke sich in uns herauf. Was er vom Gedanken sagt, gilt auch vom Kunstwerk: eine innere Entwicklung wird aktiviert und erstreckt sich in einen hellen Bezirk hinein.
Joseph Kosuth hat für seine Concept Art Musil vor allem auch mit der folgenden Aussage zum Kronzeugen gewählt: ”... kein Ding, kein Ich, keine Form, kein Grundsatz sind sicher, alles ist in einer unsichtbaren, aber niemals ruhenden Wandlung begriffen”.
Ideen, Konzepte werden Kunstwerke. Für Beuys war Denken ”bereits Plastik”, und seine Zeichnungen charakterisiert er wiederholt als ”Denkformen”.
Der Künstler betätigt sich als Öffner von Denk- und Möglichkeitsformen: so könnte es gewesen sein und so könnte es weitergehen.
Künstler sind Spurensucher und Visionäre. Es ist keine große Kunst denkbar, die sich nicht visionär auf eine andere Art des Lebens hin entwürfe oder von einem solchen Entwurf ihre Kraft bezöge. Ich wünschte mir, daß Klaus Berends’ Arbeit in dieser Dimension wahrgenommen würde.
Schlußbemerkung:
Das Bilderangebot der Medienwelt und der Kunst
Die alles einebnende Bilderflut und die Ausbreitung einer Konsumentenkultur besetzen sehr weitgehend die Aufnahmefähigkeit der Menschen. Das Bilder-Angebot der Kunst hat keine vergleichbaren Bild-Schirme und Projektionsflächen zur Verfügung. Die Kunst scheint in die Defensive gedrängt worden zu sein. Ausgebeutet von den Medienmachern, viele ihrer innovativen Darstellungen von Alltäglichkeit beraubt, muß sie die alltäglichen Dinge und Räume wieder erinnern und neu erfinden und im Raum der Kunst oder als Kunst-Raum konstituieren: Die textliche und plastische Wiedereinsetzung von scheinbar Vertrautem und Allgegenwärtigem in ein von Bildern und Klischees, Szenen, Inszenierungen und Arrangements verstellten Wahrnehmungsfeld.
Dazu gehört auch, wie in dieser Rauminstallation von Berends, der spielerische Umgang mit Objekten und mit ehemals feststehenden, funktionalen Formen und Verwendungszwecken.
Alltag ist in der Kunst selbst nicht nur Objekt, sondern auch Mitgestalter kultureller Produktion.
Die Kunst kann ”das” brechen, was die Menschen unmittelbar leben oder gelebt haben und die Medien nur darstellen. Sie kann ”das” visualisieren, was die Menschen nicht wahr-nehmen und die Medien nur als Bild verramschen, ”das” in eine reflexive Beziehung zum Betrachter bringen, was im Erleben und in der medialen Darstellung spurlos vorübergeht, ”das” zu innerer Bereicherung an Erfahrung und Wahrnehmung führen, was im Alltäglichen und Medialen zur Regression verkommt oder verschwindet.
Die Kinodramatik der Wirklichkeit ist, das bemerken wir täglich, dichter geworden. Diese Verdichtung geht zugleich mit einer Zerstreuung von Signifikanzen einher. Objekte, Situationen und Szenen sind nicht mehr unablösbar an bestimmte Bedeutungen gebunden; stattdessen breiten sich Bedeutungsströme aus, haken sich hier und dort fest. Der Raum ist zwar global weiter geworden, zugleich haben wir immer stärker das Gefühl, eingeschlossen zu sein. Da wir uns immer weniger an ehemals verbindlichen Orten aufhalten können, suchen wir Haltepunkte und machen Nicht-Orte wie Container zu selbstgewählten Aufenthaltsorten. Und wir wählen Orte fernab des Alltäglichen als Gegen-Orte und touristisch verdichtete Kulminationspunkte kollektiver Phantasien. Berends’ Installation (die ihre Wurzeln im Alltäglichen hat) hat nun ihren Ort inmitten touristisch besetzter Räume und doch zugleich an deren Peripherie.
Am Ende gleicht der Künstler dem Ethnologen: Stets kommt er, wenn alles schon den Geruch der Asche hat; verdammt dazu, die Zerfallserscheinungen zu beschreiben, ihnen eine Form und eine Vision zu geben. Mehr als jeder andere kann der Künstler diese Vorgänge auf der Ebene der Repräsentation neu erfinden und erzählen, sie in die Nähe des einzelnen Menschen rücken, sie emotional erfahrbar machen. Das wird auch hier, in dieser Raum-Installation von Berends, möglich.
Die Leinwand und der Raum moderner Installationen sind nicht mehr kategorial voneinander getrennt, es sind Projektionsflächen und Energiefelder, Transkriptionen, Lesarten und Anschauungsformen - und all die Übersetzungsschritte sind in der gegenwärtigen Kunst stärker als früher im Werk und Kunstraum mit abgebildet und präsent.
Das verändert auch die Position des Betrachters. Er ist nicht mehr nur derjenige, der auf etwas hinsieht, sondern einer, der mitgeht, mithandelt, Entscheidungen trifft.
So ist diese Installation auch eine Manifestation des vielgesichtigen Typus des Künstlers als eines Verteilers von Energien, eines Anbieters von Optionen und Sehmöglichkeiten, Alltäglichkeits- und Unbewußtheits-Schichten, von Konkretionen und Modellsituationen. Räume werden geöffnet, Polaritäten aufgeweicht: auf dem Weg einer visuellen Umstimmung.