Die Kraft der Elemente in den Bildern von Klaus Berends

Klaus Berends

Die Kraft der Elemente in den Bildern von Klaus Berends

Klaus Berends Bildwelt ist eine von den Elementen Erde, Luft (auch Wirbel-Sturm), Feuer und Wasser geprägte. An deren Schnittpunkten entfaltet diese Kunst ihre Kraft: dort, wo die Elemente ineinander übergehen, sich verbinden, auch vernichten, wo das Helle zum Dunklen, das Leichte zum Schweren, Wasser in Verbindung mit Metall zu Rost wird, Feuer im Wasser erlischt, Wasser im Feuer an Energie verliert. Nur ein letztes Aufbäumen noch.
An die Schnittstellen und an Kraftpunkte seiner Bilder setzt Berends ganz vereinzelt ein Symbol (das Kreuz oder die Unendlichkeitsschleife), ein einfaches Zeichen, den roten Strich, den weißen Balken oder das weiße Quadrat; mal ein Blatt einer Pflanze oder ein Fundstück, objet trouvé - aber es entsteht keine Collage, man vernimmt nur den Nachklang eines zitathaften Gebrauchs einer solchen Technik, der collagierenden Verwendung von Papier, Karton, Schaumstoff, Filz, Sand, Erde, Zeitungsfetzen, Schmirgelpapier, ein Sieb, eine Zeile aus einem literarischen Text.

In einem Fall, in der künstlerischen Gestaltung von Samuel Becketts "Der Verwaiser" wird die Schrift auch zur Botschaft ("Ich will Poesie ..."). Starke Farben (rot, schwarz, weiß, gelb) fett aufgetragen, bis zum Platzen vitalistisch, konkurrieren mit den Schriftzeichen und dem, was sie von der Poesie und dem Theater zu verkünden haben.
Beckett - die Person, die Berends außer Beuys am meisten zu faszinieren scheint. Auch Diter Rot oder, in mancher Hinsicht Jean Dubuffet, Pierre Soulages und Tapiès könnten Geistesverwandte, Verwandte auch im Umgang mit den Materialien und im Auftrag der Farben sein.

"Ich denke sowieso mit dem Knie", diese Zeile von Beuys hängt, eingerahmt an der Wand in Berends Atelier. Daneben (außer Fundstücken von der Insel: ein mächtiger Brocken eines ausgehöhlten Baumstamms, eine verrostete Eisenplatte, eine eiserne Boje; Arbeitsgeräte und Farbdosen wie in einer Lackiererei), also daneben ein Plakat, das Beuys zeigt. Und dann das Kreuz in vielen von Berends Bildern: eine ausgesprochene Hommage an Beuys. Auch an dessen Umgang mit den Mythen, die uns prägen, und an sein Verständnis von Kunst als einer politischen Aktivität.
Berends "Hommage à Vietnam" - sie hängt in unmittelbarer Nähe zu dem Beuys-Porträt -, ein Bild in Schwarz und Weiß; eine zurückhaltende, unpathetische und unaufdringliche Annäherung an ein betrogenes Land. Politische Kunst heißt nicht, daß man auf der Ebene der Politik handelt. Eine stille Kunst - vielleicht hat dies keiner deutlicher als John Cage gemacht - kann vehementer, entschiedener, radikaler sein als der lautstarke Protest.
Zurückhaltend geht Berends mit den Zeichen und den Zitaten, den Symbolen, Metaphern, Wörtern und Buchstaben um. Verloren fast, aber doch gerade noch fixiert für die einmalige Ordnung des Bildes. So wird ein Wort zum Kunst-Wort, so wird Schrift zur Kunst-Schrift.

Die Struktur seiner Bilder ist räumlich: man tritt in sie ein, geht über Erhebungen hinweg, durch Labyrinthe hindurch, tritt gar in Ruinen ein, findet sich im rudimentären Innenraum einer Kirche (?) wieder, tritt in dunkle Verliese ein und wird vom heißen Wüstensand emporgeschleudert. Dann wird die geometrische Figur übersteigbar - hinaus aufs offene Meer.

Das Blau des Meeres und der Rost - hier wirken Kräfte, von denen sich Berends bannen und beflügeln läßt. Der Rost hat eine andere Qualität als etwa die schwarzen Punkte, Löcher und Flächen oder die grauen schweren erdigen Felder und die blaugrauen Stahlwüsten auf seinen Bildern. Der Rost bezeichnet in meiner Wahrnehmung eine Grenze: er ist Materie und doch fast immateriell; er erscheint mir existentieller und bedeutungsschwerer als alles andere in Berends Bildern. Wobei keines seiner Bildelemente frei von dieser Seinsmetaphorik ist - das hängt mit dem Stellenwert zusammen, dem er den Elementen verleiht. Die dadurch entstehende Schwere wird durch die Wärme des Erdfarbigen und die Emotionalität des Blaus und des Rots aufgehoben oder zumindest doch irritiert.
Der Künstler spielt auch noch mit einer anderen Irritation: Spuren eines Gesichts zeichnet er in eine Fläche, verwittert bald wie etwas Weggeworfenes. Ein andermal Striche wie Flußläufe, Farbverläufe wie Wolkenberge, die im Meer versinken, Lavafelder (?), Mondlandschaften (?), Urgestein, amorphe Landkarten, Umrisse eines braunen Mammuts (?), dem ein rotes Mammut-Baby (?) eingezeichnet ist.

Einmal erwächst aus einem braunen Quadrat ein Baum, ein Baum aus verlaufender Farbe auf weißem Hintergrund - überraschend heiter (überraschend innerhalb des Oeuvres von Berends, denn trotz der Helligkeit, die in manchen seiner Bilder aufblitzt, trotz des kräftigen Rots und Blaus überwiegt doch stets das Elementare und die darin zum Ausdruck kommende Vision des Schöpferischen und der Schöpfung). In diesem Fall, wo aus einem braunen Quadrat ein Baum erwächst, oder bei zwei Blättern aus der "Expoción Leipzig", auf denen über das Bild eines Mannes mit Hut (Beuys) ein in der Mitte geteiltes rotes Quadrat gezeichnet ist, überwiegt das Spielerische, und das Rot ist ein freudiges, leichtes, "einfaches" Rot. Hier sind die Zeichen und Farben ein Stück weit weggerückt von dem pur Elementaren: der Erde, dem Wasser, dem Feuer, der Luft, dem Licht, dem Elementaren, das an dem Ort, an dem der Künstler lebt, frontal auf den Menschen auftrifft.

Fuerteventura


- die "Wahl"-heimat des Künstlers. Wie "frei" aber ist man in der Wahl des Ortes, an dem man lebt und arbeitet? Welche unbewußten Notwendigkeiten bestimmen die Entscheidung mit? Ich habe den Eindruck, daß Berends' innere Bildwelt diese Entsprechung im Äußeren suchte, daß es eine Anziehung, Affinität und Resonanz gab, die ihn zu diesem Ort trieb, um seine Imaginationen und Visionen zur Entfaltung zu bringen.

Fuerteventura: ein Ort der wirbelnden, brennenden, sprühenden und kargen Elemente, der Weite und des Windes, des Lichts und der endlos erdgrauen Flächen, sobald man dem Sandstrand den Rücken zukehrt. Berends hat sich inmitten dieser Erdberge niedergelassen - nichts von einem gelben, glitzernden Sand.
Die Kargheit dieses Landes - das ist ihr natürlicher Zustand. Alles andere ist nachträglich, scheint künstlich. Ein Ort der Konfrontation mit den eigenen Triebkräften - auf existentielle Art und Weise.
"Unentwegt rüttelte und zerrte der Sturm an meiner Hütte" - lese ich, während ich in Berends Haus sitze, in Reiseberichten, die vom fernen Patagonien handeln. Über das Extrem in der Ferne (dem Ort, an dem ich in meiner Phantasie zu diesem Zeitpunkt bin) nähere ich mich dem Extrem hier um mich herum, höre genauer auf das KONZERT der Winde, sehe genauer auf die KOMPOSITIONEN in der Landschaft.
Das Haus, in dem ich hier wohne, steht fest, aber der Wind setzt sich in alle Ritzen und Löcher, Einkerbungen und Vertiefungen, in alle Ecken und Räume, füllt sie aus - und ist schon wieder woanders. Stetigkeit ist nicht sein Wesen.


Landschaften, Orte, Bilder und Wegweiser.


Nicht so sehr in dem Sinne, daß sie eine eindeutige Richtung vorgeben würden; vielmehr sind sie von der Art eines Zauberschlüssels, der Räume öffnet und begehbar macht, das Imaginäre belebt und den alten Bildern, die man mit sich trägt, einen neuen, weiteren Horizont anbietet. Wegweiser auch der Richtungslosigkeit, des Amorphen und unendlich Vielgestaltigen. Der Weg ist das Ziel, das Labyrinth auch die Ordnung.
Berends Bilder gewähren faszinierende Einblicke in diese komplexen Räume und deren Ästhetik des Diversen. Wir kommen uns und den Elementen ein Stück weit näher, wenn wir uns in ihre "Ordnung" vertiefen. Wir werden dann selbst - zum Beispiel beim Anblick von "Marmorstaub" - für Augenblicke die rostrote Welle zwischen einem grün und einem blau schimmernden Meer, werden selbst zum Spielball der Elemente Feuer, Wasser, Luft, die es miteinander "treiben". Einmal fiel mir bei Berends Bildern ein: AUFRÄUMEN - AUFTRÄUMEN. Auch Träume wollen aufgeräumt, aufgeträumt werden. Auch das Unbewußte braucht Platz - und eine Weite. Berends schafft sich in seinen Bildern diese Weite, gegen Widerstände.
Widerstände erfährt er zum Beispiel durch das Material und den Kanon der tausendfach reproduzierten Bilder von "Natur". Gegen das Natur-Klischee muß er das Natur-Bild setzen. Das ist eine Art Magie, denn Magie heißt immer, eine Wirklichkeit setzen, kraft der eigenen Imagination, Vision und auch Besessenheit. Kein Künstler, der nicht besessen wäre von seiner inneren Bildwelt und dem Verlangen, sie zu visualisieren.
Berends Welt außen: Meer, Sand, Erde, Steine, Himmel, Sonne, Licht, Wind. Sie ist ein Koordinatensystem, in dem er sich täglich bewegt. Als Künstler hat er jede nur erdenkliche Freiheit, sie gemäß seines eigenen "Gesetzes" zu gestalten und zu kombinieren, seinen Entwurf von Wirklichkeit zu machen.

In das Bild "Calima" hat Klaus Berends in den unteren Rand die Zeilen gesetzt:


Ich will Poesie in das Drama bringen,
eine Poesie,
die das Nichts durchritten hat

und die Zeile wird, fragmentarisch, noch einmal, nahezu unsichtbar, am linken Rand wiederholt - so, als nähere sie sich schon der Ebene an, wo "das Nichts durchschritten" ist.


'Nichtsein' nenne ich den Anfang von Himmel und Erde.
'Sein' nenne ich die Mutter der Einzelwesen.
Darum führt die Richtung auf das Nichtsein
zum Schauen des wunderbaren Wesens,
die Richtung auf das Sein
zum Schauen der räumlichen Begrenztheiten

heißt es bei Laotse.

Der westliche Mensch ist mehr mit Tun als mit Schauen beschäftigt. Seine Philosophie ist mehr eine des Wollens als der Versenkung. Berends Bilder können Anstoß zu einem meditativen Innehalten in einer sich verzehrenden Aktivität sein; sie können die gleichschwebende Aufmerksamkeit stärken und die Achtsamkeit auf Wesentliches, auf die Übergänge von Sein und Nichtsein lenken. Jede künstlerische Schöpfung hat Teil an der universellen Schöpfung, gewinnt ihr bis dahin nicht gesehene Ansichten und Perspektiven ab.
Wenn es stimmt, daß man, wie der Dichter Philippe Jaccottet sagte, allen wesentlichen Dingen nur auf Umwegen näher komme, "nur schräg von der Seite und beinah verstohlen", dann kann man dem Betrachter von Berends Bildern nur raten, sich schräg zu ihnen zu stellen, mit dem Blick, der quer durch die Dinge und Strukturen geht, der sie durchdringt und wieder, bereichert, zu sich selbst zurückkehrt.

Wo wird es für Berends weitergehen? Auf der Spur des Gilgamesch-Epos und des Mythos von der Magna Mater - die ihn so sehr faszinieren? Wird er der plastischen Gestaltung den Vorrang vor der flächigen geben? Eine Entwicklung, die an eine Reihe von Objekten anknüpfen könnte, darunter zwei, die mir besonders gut gefallen: Ein Stück Schaumstoff, von geradezu unvorstellbarer Plastizität und Brüchigkeit - als habe es Jahrtausende auf dem Buckel, mit der Aura eines archaischen Überbleibsels - und darin geradezu eingegraben ein weißer Balken, leuchtend und ganz Gegenwart. Dann zwei Bilder, die eine Einheit bilden: Feinste Golddrähte kreuzen sich in der Mitte, überziehen schwarze Flächen, die ein Gewölbe andeuten. Deren Plastizität wird dadurch erzeugt, daß die Farbe auf einem Pergamentpapier aufgetragen wurde, das lose, an Nagelstiften befestigt, aufgehängt ist und sich deswegen leicht wellt. Gleichsam als Gegenpol zu dieser Leichtigkeit und diesem Schweben ist in die Bogenöffnung ein metallartig bearbeitetes Stück Holz, die Form des Bogens nachahmend, gesetzt. Feinste farbige Schattierungen und Versatzstücke schaffen einen, trotz der dominierenden Schwärze, belebten Raum. Wird Klaus Berends in Zukunft die Räume dadurch beleben, daß das Figürliche stärker hervortritt?