Fuerteventura
- die "Wahl"-heimat des Künstlers. Wie "frei" aber ist man in der Wahl des Ortes, an dem man lebt und arbeitet? Welche unbewußten Notwendigkeiten bestimmen die Entscheidung mit? Ich habe den Eindruck, daß Berends' innere Bildwelt diese Entsprechung im Äußeren suchte, daß es eine Anziehung, Affinität und Resonanz gab, die ihn zu diesem Ort trieb, um seine Imaginationen und Visionen zur Entfaltung zu bringen.
Fuerteventura: ein Ort der wirbelnden, brennenden, sprühenden und kargen Elemente, der Weite und des Windes, des Lichts und der endlos erdgrauen Flächen, sobald man dem Sandstrand den Rücken zukehrt. Berends hat sich inmitten dieser Erdberge niedergelassen - nichts von einem gelben, glitzernden Sand.
Die Kargheit dieses Landes - das ist ihr natürlicher Zustand. Alles andere ist nachträglich, scheint künstlich. Ein Ort der Konfrontation mit den eigenen Triebkräften - auf existentielle Art und Weise.
"Unentwegt rüttelte und zerrte der Sturm an meiner Hütte" - lese ich, während ich in Berends Haus sitze, in Reiseberichten, die vom fernen Patagonien handeln. Über das Extrem in der Ferne (dem Ort, an dem ich in meiner Phantasie zu diesem Zeitpunkt bin) nähere ich mich dem Extrem hier um mich herum, höre genauer auf das KONZERT der Winde, sehe genauer auf die KOMPOSITIONEN in der Landschaft.
Das Haus, in dem ich hier wohne, steht fest, aber der Wind setzt sich in alle Ritzen und Löcher, Einkerbungen und Vertiefungen, in alle Ecken und Räume, füllt sie aus - und ist schon wieder woanders. Stetigkeit ist nicht sein Wesen.
Landschaften, Orte, Bilder und Wegweiser.
Nicht so sehr in dem Sinne, daß sie eine eindeutige Richtung vorgeben würden; vielmehr sind sie von der Art eines Zauberschlüssels, der Räume öffnet und begehbar macht, das Imaginäre belebt und den alten Bildern, die man mit sich trägt, einen neuen, weiteren Horizont anbietet. Wegweiser auch der Richtungslosigkeit, des Amorphen und unendlich Vielgestaltigen. Der Weg ist das Ziel, das Labyrinth auch die Ordnung.
Berends Bilder gewähren faszinierende Einblicke in diese komplexen Räume und deren Ästhetik des Diversen. Wir kommen uns und den Elementen ein Stück weit näher, wenn wir uns in ihre "Ordnung" vertiefen. Wir werden dann selbst - zum Beispiel beim Anblick von "Marmorstaub" - für Augenblicke die rostrote Welle zwischen einem grün und einem blau schimmernden Meer, werden selbst zum Spielball der Elemente Feuer, Wasser, Luft, die es miteinander "treiben". Einmal fiel mir bei Berends Bildern ein: AUFRÄUMEN - AUFTRÄUMEN. Auch Träume wollen aufgeräumt, aufgeträumt werden. Auch das Unbewußte braucht Platz - und eine Weite. Berends schafft sich in seinen Bildern diese Weite, gegen Widerstände.
Widerstände erfährt er zum Beispiel durch das Material und den Kanon der tausendfach reproduzierten Bilder von "Natur". Gegen das Natur-Klischee muß er das Natur-Bild setzen. Das ist eine Art Magie, denn Magie heißt immer, eine Wirklichkeit setzen, kraft der eigenen Imagination, Vision und auch Besessenheit. Kein Künstler, der nicht besessen wäre von seiner inneren Bildwelt und dem Verlangen, sie zu visualisieren.
Berends Welt außen: Meer, Sand, Erde, Steine, Himmel, Sonne, Licht, Wind. Sie ist ein Koordinatensystem, in dem er sich täglich bewegt. Als Künstler hat er jede nur erdenkliche Freiheit, sie gemäß seines eigenen "Gesetzes" zu gestalten und zu kombinieren, seinen Entwurf von Wirklichkeit zu machen.
In das Bild "Calima" hat Klaus Berends in den unteren Rand die Zeilen gesetzt:
Ich will Poesie in das Drama bringen,
eine Poesie,
die das Nichts durchritten hat
und die Zeile wird, fragmentarisch, noch einmal, nahezu unsichtbar, am linken Rand wiederholt - so, als nähere sie sich schon der Ebene an, wo "das Nichts durchschritten" ist.
'Nichtsein' nenne ich den Anfang von Himmel und Erde.
'Sein' nenne ich die Mutter der Einzelwesen.
Darum führt die Richtung auf das Nichtsein
zum Schauen des wunderbaren Wesens,
die Richtung auf das Sein
zum Schauen der räumlichen Begrenztheiten
heißt es bei Laotse.
Der westliche Mensch ist mehr mit Tun als mit Schauen beschäftigt. Seine Philosophie ist mehr eine des Wollens als der Versenkung. Berends Bilder können Anstoß zu einem meditativen Innehalten in einer sich verzehrenden Aktivität sein; sie können die gleichschwebende Aufmerksamkeit stärken und die Achtsamkeit auf Wesentliches, auf die Übergänge von Sein und Nichtsein lenken. Jede künstlerische Schöpfung hat Teil an der universellen Schöpfung, gewinnt ihr bis dahin nicht gesehene Ansichten und Perspektiven ab.
Wenn es stimmt, daß man, wie der Dichter Philippe Jaccottet sagte, allen wesentlichen Dingen nur auf Umwegen näher komme, "nur schräg von der Seite und beinah verstohlen", dann kann man dem Betrachter von Berends Bildern nur raten, sich schräg zu ihnen zu stellen, mit dem Blick, der quer durch die Dinge und Strukturen geht, der sie durchdringt und wieder, bereichert, zu sich selbst zurückkehrt.
Wo wird es für Berends weitergehen? Auf der Spur des Gilgamesch-Epos und des Mythos von der Magna Mater - die ihn so sehr faszinieren? Wird er der plastischen Gestaltung den Vorrang vor der flächigen geben? Eine Entwicklung, die an eine Reihe von Objekten anknüpfen könnte, darunter zwei, die mir besonders gut gefallen: Ein Stück Schaumstoff, von geradezu unvorstellbarer Plastizität und Brüchigkeit - als habe es Jahrtausende auf dem Buckel, mit der Aura eines archaischen Überbleibsels - und darin geradezu eingegraben ein weißer Balken, leuchtend und ganz Gegenwart. Dann zwei Bilder, die eine Einheit bilden: Feinste Golddrähte kreuzen sich in der Mitte, überziehen schwarze Flächen, die ein Gewölbe andeuten. Deren Plastizität wird dadurch erzeugt, daß die Farbe auf einem Pergamentpapier aufgetragen wurde, das lose, an Nagelstiften befestigt, aufgehängt ist und sich deswegen leicht wellt. Gleichsam als Gegenpol zu dieser Leichtigkeit und diesem Schweben ist in die Bogenöffnung ein metallartig bearbeitetes Stück Holz, die Form des Bogens nachahmend, gesetzt. Feinste farbige Schattierungen und Versatzstücke schaffen einen, trotz der dominierenden Schwärze, belebten Raum. Wird Klaus Berends in Zukunft die Räume dadurch beleben, daß das Figürliche stärker hervortritt?